Gamma Exposure (GEX) ist eine Kennzahl, die aus der Optionskette eines Marktes berechnet wird. Sie schätzt, wie stark Market Maker an den einzelnen Kursniveaus zum Absichern gezwungen sind, und macht damit sichtbar, wo Hedging-Flüsse den Kurs bremsen oder beschleunigen können. Wenn in unserem Gamma Levels Guide von Levels, Regimen und Hedging-Druck die Rede ist, steht dahinter immer diese eine Kennzahl. Dieser Artikel ist der Tiefgang dazu: Du erfährst, wie GEX konzeptionell berechnet wird, wie du ein GEX-Profil liest, was der Gamma Flip bedeutet und wo die Grenzen der Kennzahl liegen.
Was GEX eigentlich misst
Market Maker stehen auf der Gegenseite der meisten Optionsgeschäfte und sichern ihre Positionen laufend über den Basiswert ab. Wie oft und wie aggressiv sie nachjustieren müssen, bestimmt das Gamma ihrer Bücher. Genau hier setzt GEX an: Die Kennzahl aggregiert das Gamma aller offenen Optionskontrakte eines Basiswerts und ordnet es den Kursniveaus zu, an denen es wirksam wird.
Das Ergebnis lässt sich auf zwei Arten lesen. Als Verteilung über die Strikes zeigt GEX, wo der Handlungszwang der Market Maker am größten ist. Als Netto-Zahl für den Gesamtmarkt zeigt es, ob die Absicherungsflüsse Bewegungen insgesamt dämpfen oder verstärken. Beide Lesarten zusammen ergeben eine Landkarte, die im reinen Kerzenchart nicht existiert.
Wie GEX berechnet wird: von der Optionskette zur Kennzahl
Für die Berechnung braucht es keine Geheimformel, sondern öffentlich verfügbare Optionsdaten und eine saubere Aggregation. Konzeptionell läuft es so ab:
Ausgangspunkt ist die Optionskette. Sie listet für einen Basiswert alle handelbaren Optionen auf: jeden Strike, jede Laufzeit, jeweils für Calls und Puts. Bei einem Index wie dem S&P 500 sind das viele tausend einzelne Kontrakte.
Das Open Interest gewichtet jeden Kontrakt. Entscheidend ist nicht, welche Optionen es gibt, sondern wie viele davon offen sind. Ein Strike mit hohem Open Interest bindet viel Absicherungskapital, ein kaum gehandelter Strike fällt nicht ins Gewicht.
Jeder Strike bekommt sein Gamma. Das Gamma eines Kontrakts hängt vor allem davon ab, wie nah der Strike am aktuellen Kurs liegt und wie viel Restlaufzeit bleibt. Optionen nahe am Geld und kurz vor dem Verfall tragen am meisten bei. Deshalb haben 0DTE-Optionen, die noch am selben Tag verfallen, einen so großen Einfluss auf das Tagesbild: Ihr Gamma ist extrem konzentriert und verändert sich im Tagesverlauf schnell.
Calls und Puts werden verrechnet, Laufzeiten summiert. Zum Schluss wird das Gamma über alle Kontrakte aggregiert. Dabei fließt eine Annahme darüber ein, auf welcher Seite die Market Maker typischerweise stehen, denn nur ihre Positionen erzeugen mechanischen Hedging-Bedarf. Üblich ist die Vereinfachung, dass Dealer bei Calls tendenziell auf der Long-Seite und bei Puts auf der Short-Seite stehen, weil Kunden überwiegend Calls schreiben und Puts zur Absicherung kaufen. Aus dieser Verrechnung entsteht für jeden Strike ein Wert und in Summe das Netto-GEX des Marktes.
Wichtig für die Einordnung: GEX ist eine Schätzung, kein Kontoauszug der Market Maker. Die Kennzahl modelliert deren Positionierung aus beobachtbaren Daten, sie kennt sie nicht.
Das GEX-Profil lesen
Trägt man die GEX-Werte über die Strikes ab, entsteht das GEX-Profil. Es ist die visuelle Form der Kennzahl und der Punkt, an dem sie für Trader praktisch wird.
Zwei Dinge liest du aus dem Profil heraus. Erstens die Konzentrationen: An manchen Strikes türmt sich die Positionierung sichtbar auf. Dort ist der Absicherungsbedarf der Market Maker am größten, und dort reagiert der Markt erfahrungsgemäß am zuverlässigsten. Zwischen den Konzentrationen liegen oft Zonen, in denen fast nichts positioniert ist. In solchen Lücken fehlen die stabilisierenden Flüsse, der Kurs bewegt sich dort häufig schnell und sprunghaft.
Zweitens das Vorzeichen der Netto-Exposure. Es entscheidet darüber, in welche Richtung die Hedging-Flüsse insgesamt wirken:
| Positives Netto-GEX | Negatives Netto-GEX | |
|---|---|---|
| Dealer-Buch | Market Maker halten netto positives Gamma | Market Maker halten netto negatives Gamma |
| Hedging-Richtung | gegen die Bewegung: Käufe in Schwäche, Verkäufe in Stärke | mit der Bewegung: Verkäufe in Schwäche, Käufe in Stärke |
| Wirkung auf die Volatilität | dämpfend, Bewegungen laufen sich fest | verstärkend, Bewegungen beschleunigen |
| Aussage des Profils | Konzentrationen wirken eher als Brems- und Umkehrzonen | Konzentrationen werden eher zu Beschleunigungspunkten |
Dieselbe Konzentration im Profil kann also je nach Vorzeichen unterschiedlich wirken. Ohne den Blick auf das Netto-GEX bleibt jede Interpretation einzelner Strikes unvollständig.
Der Gamma Flip: wo das Vorzeichen kippt
Das Netto-GEX ist keine feste Größe, es hängt vom Kursniveau ab. Steht der Markt hoch, dominieren meist die Call-Positionen und das Netto-GEX ist positiv. Fällt der Kurs, gewinnen die Put-Positionen an Gewicht, bis das Vorzeichen irgendwann kippt. Das Kursniveau, an dem dieser Übergang stattfindet, wird als Gamma Flip bezeichnet. Es ist ein allgemein etabliertes Konzept der Optionsanalyse und lässt sich aus jedem vollständigen GEX-Profil ableiten.
Der Flip markiert damit die Grenze zwischen den beiden Marktregimen: Oberhalb wirken die Hedging-Flüsse tendenziell stabilisierend, unterhalb verstärken sie Bewegungen. Rutscht der Markt unter den Flip, treffen fallende Kurse auf Market Maker, die in die Schwäche hinein verkaufen müssen. Abwärtsbewegungen gewinnen dann oft an Tempo, und Erholungen fallen heftiger aus, weil auch sie verstärkt werden. Wie du dich in den beiden Regimen taktisch verhältst, behandelt der Gamma Levels Guide im Detail.
Warum GEX nach vorn blickt
Fast alle klassischen Werkzeuge der Chartanalyse sind rückblickend: Unterstützungen, Widerstände, gleitende Durchschnitte und Volumenprofile entstehen aus Kursen, die bereits gehandelt wurden. GEX funktioniert anders. Die Kennzahl wird aus den offenen Optionspositionen berechnet, also aus Verpflichtungen, die jetzt in den Büchern liegen und erst noch abgesichert werden müssen.
Ein GEX-Profil beantwortet deshalb eine andere Frage als ein Chart: nicht „Wo hat der Markt früher reagiert?“, sondern „Wo müssen große Marktteilnehmer handeln, wenn der Kurs dorthin läuft?”. Diese Flüsse sind nicht garantiert, aber sie sind strukturell angelegt, solange die Positionen bestehen. Genau das macht GEX zu einer vorausschauenden Kennzahl, und genau deshalb muss sie täglich neu berechnet werden: Mit jedem Verfall und jeder Umschichtung verändert sich das Profil.
GEX in der Praxis: so gehst du vor
Als Rohzahl bringt dir GEX wenig. Nützlich wird die Kennzahl mit einer festen Routine:
- Prüfe zuerst das Vorzeichen. Bevor du auf einzelne Strikes schaust, klärst du, ob der Markt über oder unter dem Gamma Flip notiert. Das Vorzeichen bestimmt, ob Konzentrationen eher bremsen oder beschleunigen.
- Markiere die größten Konzentrationen. Die Strikes mit dem meisten GEX ober- und unterhalb des Kurses sind deine strukturellen Bezugspunkte für den Tag. Wenige große Zonen sind wertvoller als viele kleine.
- Achte auf die Lücken im Profil. Zonen ohne nennenswerte Positionierung sind kein Niemandsland, sondern eine Information: Dort fehlt die dämpfende Kraft, Bewegungen können durchrutschen.
- Beobachte die Distanz zum Flip. Notiert der Markt knapp über dem Flip, ist das Regime fragil. Ein Rutsch unter das Niveau kann den Charakter des Handelstages komplett verändern.
- Bewerte täglich neu. Durch Verfall und Neupositionierung, besonders bei 0DTE-Optionen, ist ein GEX-Profil von gestern heute oft schon überholt. Arbeite ausschließlich mit aktuellen Daten.
Grenzen der Kennzahl
GEX ist ein starkes Werkzeug, aber kein Orakel. Drei Einschränkungen solltest du kennen, bevor du Entscheidungen darauf stützt.
Die Dealer-Positionierung ist eine Annahme. Niemand außerhalb der Handelshäuser weiß exakt, welche Seite der Market Maker in jedem Kontrakt hält. Die übliche Vereinfachung trifft im Durchschnitt oft zu, kann aber in einzelnen Phasen daneben liegen, etwa wenn sich das Verhalten der Optionskäufer strukturell verändert.
Die Datenqualität setzt Grenzen. Open Interest wird verzögert gemeldet, und aus den Handelsdaten ist nicht immer eindeutig ablesbar, ob ein Kontrakt gekauft oder verkauft wurde. Unterschiedliche Anbieter kommen deshalb zu unterschiedlichen GEX-Werten. Entscheidend ist weniger die exakte Zahl als die Struktur des Profils.
News schlagen Positionierung. Zinsentscheide, Inflationsdaten oder geopolitische Ereignisse können jede noch so klare GEX-Struktur überrollen. An solchen Tagen ordnet sich die Landkarte neu, und die alte Positionierung verliert ihre Aussagekraft.
Trading birgt erhebliche Risiken. Handle nur mit Kapital, dessen Verlust du verkraften kannst.
Vom GEX-Profil zum Chart: der JKT Gamma Levels Indikator
Die Berechnung von GEX erfordert die Auswertung der kompletten Optionskette über alle Strikes und Laufzeiten, das ist manuell nicht zu leisten. Unser Gamma Levels Indikator nimmt dir diese Arbeit ab und übersetzt das Profil in konkrete Chartmarken: die GEX Levels (die zehn Strikes mit der größten Gamma-Konzentration), Call Resistance, Put Support, das HVL als Kursniveau mit der höchsten Optionsaktivität, die 1D Range als erwartete Tagesspanne und Blind Spots für Zonen ohne Optionspositionierung.
Alle Levels stehen dir auf TradingView und ATAS zur Verfügung, täglich aktualisiert und mit 0DTE-Präzision. Wie du diese Levels im Handelsalltag konkret einsetzt, von der Einstiegsplanung bis zum Risikomanagement, zeigt dir der Gamma Levels Guide.
